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Henriettenstift 1852

Henriettenstift 1852

zeitgenössische Darstellung, 1920er Jahre

zeitgenössische Darstellung, 1920er Jahre

Henriettenstift vor der Zerstörung 1945

Henriettenstift vor der Zerstörung 1945

November 1942 - die letzten Bewohner verlassen das Henriettenstift

November 1942 - die letzten Bewohner verlassen das Henriettenstift

Deportation der letzten Bewohner, November 1942

Deportation der letzten Bewohner, November 1942

Henriettenstift

Eine der größten sozialen Stiftungen Dresdens, das Henriettenstift, wurde im Jahre 1852 gegründet. Es entstand als Asylhaus für arme jüdische Familien aus einer milden Stiftung des 1861 verstorbenen Bankiers und Gemeindevorstehers Wilhelm Schie, eines engagierten israelitischen Glaubensbruders der jüdischen Gemeinde. Schie hatte das Haus auf der damaligen Eliasstraße 24 erworben und durch Schenkung am 18. Mai 1852 die mildtätige Stiftung errichtet. Sie wurde nach der Gattin des Stifters in Henriettenstift benannt. Zur Erhaltung der Stiftung hatte Wilhelm Schie eine Erbschaft von 25 000 Mark festgelegt. Dieser Betrag erhöhte sich nach dem Tod von Frau Schie 1893 um 186.000 Mark. Neben den Unterhaltungskosten und der Feuerung wurden jedem Insassen monatlich 30 Mark Unterhaltsgeld gezahlt.

Das von Wilhelm Schie ursprünglich als Asylheim für neun „unbescholtene selbständige“ Bürger errichtete Henriettenstift entwickelte sich im Laufe der Zeit zum Altenheim, vorwiegend für ältere Damen. Im Volksmund wurde es „Alter Damenstift“ genannt. Durch Umbau und Modernisierung in den Jahren 1903 und 1904 entstanden nach Plänen des Architekten Paul Markus 16 Wohnungen. Jede dieser Wohnungen bestand aus einem Zimmer, Kammer, Küche und Vorsaal. „Leucht- und Kochgasvorrichtung und ein Bad“, wie es in einem Zeitungsbericht 1904 zu lesen war, standen zur Verfügung.

Auch später sorgten weitere Spenden für die materielle Absicherung des Stiftes. Im November 1928 gründete Herr Sachie Durst aus Anlass seines 60. Geburtstages die Sabine-Durst-Stiftung, die er mit 3000 Mark in achtprozentigen Goldhypothekenpfandbriefen der Leitung des Henriettenstiftes überreichte.

Mit dem Erlass des Reichsinnenministers vom 4. Juli 1939 über die Reichsvereinigung der Juden erlosch die Henriettenstiftung als selbständige Stiftung. 1940 wurde das Henriettenstift zum sogenannten Judenhaus deklariert. Es wurden weitere 25 jüdische Personen zugewiesen, die ihre bisherigen Wohnungen verlassen und in ein Judenhaus ziehen mussten. Dadurch erhöhte sich die Gesamtzahl der Bewohner auf 50.

Mit dem Transport V/2 vom 14. Juli 1942 wurden alle Bewohner des Henriettenstifts, 44 Frauen und drei Männer, nach Theresienstadt deportiert. Nur zwei Frauen überlebten die Deportation. Damit endete die fast 90jährige Geschichte des Henriettenstifts. Das Haus wurde noch einmal belegt mit „arbeitsfähigen Personen“, die am 23. November 1942 in das neu errichtete Judenlager Hellerberge verlegt wurden. Am 28. September 1942 ging das Haus in das Eigentum der NSDAP über, die hier wöchentliche Unterweisung in Jungmädel- und Jungvolkgruppen hielt. Des Weiteren trafen sich in dem ehemaligen jüdischen Altenheim der Bund Deutscher Mädel und die Hitlerjugend. Der Eintrag im Grundbuch wurde am 6. März 1943 vollzogen. Das führte nach dem Ende des Krieges zu Problemen bei der Entschädigung, da das Grundstück offiziell nicht mehr jüdisches Eigentum war. Erst Mitte März 1963 wurde die Jüdische Gemeinde entschädigt. Die Ausgleichsumme für das Henriettenstift belief sich auf 6.340 Mark.

In der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 wurde das Gebäude beim Bombenangriff der Alliierten auf Dresden zerstört.

1950 begannen das Stadtplanungs- und das Stadtbauamt, das Grundstück neu zu erschließen. Ein Studentenwohnheim sollte entstehen. Die ehemaligen Grundstücke Güntzstraße 24 und 26 wurden zu diesem Zweck zusammengezogen. 1955 wurde das Studentenwohnheim Güntzstraße der Technischen Universität fertiggestellt.

Zur Erinnerung an das Henriettenstift wurde am 8. Februar 1966 eine Gedenktafel am ehemaligen Haupteingang des Wohnheimes angebracht.

Quelle und Bildnachweis
Die historischen Aufnahmen auf dieser Seite stammen aus: Anke Kalkbrenner: Das Henriettenstift. Zwischen Asylheim und Alten-Damenstift – Die Geschichte eines jüdischen Altenheimes. Dresden 1999.